Recht und Gericht in Österreich 

Allgemeines

Sowohl im Zivil- als auch im Strafverfahren können (müssen) die Verfahrensparteien sich eines Rechtsanwaltes bedienen. Voraussetzung für die Berufsausübung als Rechtsanwalt sind nach österreichischem Recht

  1. das Studium der Rechtswissenschaften
  2. Absolvierung des Gerichtsjahres
  3. Berufstätigkeit in einer Rechtsanwaltskanzlei (dzt. 5 Jahre)
  4. Erfolgreiche Absolvierung der Rechtsanwaltsprüfung

Sind diese 4 Voraussetzungen erfüllt, kann eine Eintragung in die bei der jeweiligen Landeskammer der Rechtsanwälte (RAK) aufliegenden Liste der Rechtsanwälte erfolgen. Erst ab diesem Zeitpunkt darf die Berufsbezeichnung "Rechtsanwalt" geführt werden.

Im Strafverfahren besteht eine eigene Verteidigerliste beim jeweils zuständigen Oberlandesgericht, in die sich alle die Rechtsanwaltschaft wirklich ausübenden Rechtsanwälte als "Verteidiger in Strafsachen" eintragen lassen können.

Andere bei Rechtsanwälten tätigen Juristen ohne absolvierte Rechtsanwaltsprüfung werden als "Rechtsanwaltsanwärter" bezeichnet. Diese sind berechtigt, auf Grund des absolvierten Studiums und ihrer Praxiserfahrung Verhandlungen zu verrichten und annähernd alle anderen Tätigkeiten im Klientenverkehr ausüben, die ein eingetragener Rechtsanwalt auch ausübt.

Rechtsanwaltsanwärter mit der "kleinen LU" (von der RAK ausgestellte Legitimationsurkunde) sind berechtigt, Verhandlungen vor Bezirksgerichten

  • im Zivilrecht: mit einem Streitwert bis zu S 52.000,-- (13.000 Euro, siehe auch V.2.1. absoluter Anwaltszwang)
  • im Strafrecht mit einer Strafdrohung bis 1 Jahr

zu verrichten. Die sog. "große LU" berechtigt den Rechtsanwaltsanwärter zur Vertretung bei allen anderen Verfahren.

Die Tätigkeit des Rechtsanwaltes ist im Zivilverfahren die eines Beraters und Vertreters seiner Mandanten, im Strafverfahren die eines Beistandes (nie Stellvertreters!). Im Allgemeinen umfaßt die Tätigkeit eines Anwaltes die Vertretung vor Gericht oder Behörden, die Beratung (zB. Vertragsgestaltung, Errichtung von Testamenten), oftmals auch den neuen Bereich der Mediation (Konfliktregelung im Vorfeld eines Rechtsstreites).

Der Anwalt kann nach Unterfertigung einer entsprechenden Vollmacht durch den Klienten diesen vor allen österreichischen Gerichten und Behörden verteten. Der Rechtsanwlt unterliegt keinem Kontrahierungszwang, d.h. er kann sich seine Mandanten aussuchen (Ausnahme: Pflicht-/ Amts- und Verfahrenshilfeverteidiger werden den Beschuldigten im Strafverfahren bei notwendiger Verteidigung ex lege beigegeben).

Der Rechtsanwalt ist an seine Verschwiegenheitspflicht gebunden (Entschlagungsrecht im Verfahren!) und darf nie beide Parteien eines Rechtsstreites vertreten.

In jedem Bundesland gibt es eine eigene Rechtsanwaltskammer (RAK). Die RAK ist eine berufliche Interessenvertretung. Bundesweite Angelegenheiten werden vom Rechtsanwaltskammertag (ÖRAK) koordiniert.

Jeder Rechtsanwalt ist Mitglied in der Rechtsanwaltskammer seines Bundeslandes. Er unterliegt der Disziplinargerichtsbarkeit, die von Disziplinarräten und in letzter Instanz von der Obersten Berufungs- und Disziplinarkommission (OBDK) beim OGH ausgeübt wird.

Derzeit gibt es in Österreich ca. 3.600 Rechtsanwälte und ca. 1.600 Rechtsanwaltsanwärter.
Stand 1997: Wien ca. 1.400 - Burgenland ca. 40 - Niederösterreich ca. 270 - Oberösterreich ca. 440 - Salzburg ca. 300 - Steiermark ca. 360 - Kärnten ca. 200 - Tirol ca. 350 - Vorarlberg ca. 150